31.03.2025
Vera Weber et Anna Zangger

Tiere töten, um Tierarten zu schützen?

In der NZZ-Ausgabe vom 16. Februar 2025 behauptet Tierarzt Marcus Clauss, dass wir ein Planet der Menschen seien und wir daher für alles verantwortlich wären – auch für das Überleben von Tierarten. Seiner Meinung nach diene das Züchten und Töten von Tieren in Zoos dem Artenschutz. Seine Argumentation folgt einem stark anthropozentrischen Weltbild, das den Menschen als wichtigstes Lebewesen ansieht und ihm eine höhere Stellung als allen anderen Lebewesen gibt. Diese Sichtweise ist derart einseitig, dass wir uns dazu äussern müssen.

Zoos präsentieren sich seit einigen Jahrzehnten als Orte der Bildung, der Forschung, des Natur- und Artenschutzes. Sie behaupten, dass sie als eine Art «Bank» für Tiere dienen. Sie argumentieren, dass sie für bedrohte Tiere, der beste Ort seien, um ihr Überleben zu sichern: in Zoos eingesperrt, ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums und ihrer natürlichen Lebensweise.

Der Fokus der Zoos liegt vor allem darauf, eingesperrte Tiere am Leben zu erhalten und ihre Fortpflanzung in Gefangenschaft zu sichern. Gleichzeitig bemühen sie sich, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, gefährdete Arten seien dort vor dem Aussterben geschützt. Doch nur sehr wenige Tierarten können tatsächlich erfolgreich ausgewildert werden – und selbst diese hätten ohne einen intakten natürlichen Lebensraum in der Wildnis kaum eine Überlebenschance.

Fehlender Artenschutz in Zoos

Erwiesenermassen ist jedoch die fortschreitende Zerstörung und Verkleinerung natürlicher Lebensräume die grösste Bedrohung für Tier- und Pflanzenarten. Dennoch fliesst nur ein minimaler Teil der Zooeinnahmen in den Schutz oder die Wiederherstellung von Ökosystemen. Stattdessen werden Millionen in Zooerweiterungen, Tiertransporte und Zuchtprogramme investiert – Massnahmen, die nur dem Erhalt des Zoobetriebs dienen, anstatt die eigentlichen Ursachen des Artensterbens zu bekämpfen.

Ohne intakte Lebensräume verliert die Existenz der Tiere im Zoo letztlich ihre Bedeutung und dient nur unserem Bedürfnis, exotische Tiere zu betrachten. Für die Tiere selbst – je nach Art – bringt dies keinen Nutzen, sondern bedeutet vielmehr eine andauernde Qual.

Keine nachhaltige Lösung 

Besorgniserregend ist zudem, dass Zoos keine nachhaltige Lösung für die unweigerlich wachsende Zahl überzähliger Tiere finden. Anstatt die Tiere zu töten, sollten sie, wenn es ihnen wirklich um das Überleben der Art ginge, langfristige Strategien entwickeln – wie gezielte Auswilderungsprogramme, die Schaffung und Erhaltung grosser Schutzgebiete oder den Aufbau von Reservaten in den natürlichen Lebensräumen der Tiere.

Laut Dr. Keith Lindsay, einem führenden Experten für Elefantenbiologie, «ergreifen Zoos häufig vorsätzliche Massnahmen, oft nachlässig, nur um neue Geburten zu erzielen. Diese Versuche können gefährlich und sogar besonders grausam sein.» Ein alarmierendes Beispiel ist die afrikanische Elefantin Heri, die im Zoo Basel gehalten wird. Sie wurde absichtlich dem männlichen Tusker ausgesetzt, in der Hoffnung, dass sie oder eine andere Elefantin im Zoo trächtig werden würde.

«Trotz ihres fortgeschrittenen Alters, ihrer mangelnden Erfahrung als Mutter und der Tatsache, dass ihr einziges vorheriges Kalb vor etwa zehn Jahren tot geboren wurde, wurde die Paarung zugelassen», erklärt Dr. Lindsay. Dieses Mal starb das Baby jedoch bereits im Mutterleib. Der Kadaver befindet sich noch immer in ihr. Anfangs brachte dies ihr Leben in Gefahr, nun stellt es ein langfristiges Risiko dar – sowohl physisch als auch psychisch. 

Zoos vernachlässigen Grundbedürfnisse der Tiere

In seinem Artikel argumentiert Marcus Clauss, dass Zoos den Tieren ein «wesentliches Bedürfnis» vorenthalten würden, wenn sie Geburten durch Empfängnisverhütung verhindern: die Erfahrung der Fortpflanzung. Dies sei nicht artgerecht. Doch dabei wird völlig ignoriert, dass ein Zoo per se für die meisten grossen exotischen Tierarten – wie Elefanten, Raubkatzen oder Giraffen – niemals artgerecht sein kann.

«Zoos bieten nicht einmal die grundlegenden Bedingungen, um die physischen, sozialen und psychologischen Bedürfnisse der Tiere zu erfüllen», sagt Tom Sciolla, Experte der FFW für den Schutz der Biodiversität und die Umgestaltung von Zoos. Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel ist der Elefant. In freier Wildbahn legt er täglich rund 10 Kilometer zurück, verbringt die meiste Zeit mit der Nahrungssuche, pflegt enge soziale Bindungen zu seiner Familie und profitiert von der Erfahrung der Ältesten – insbesondere bei der Fortpflanzung.

In Zoos hingegen sind Elefanten auf winzige Flächen beschränkt. Sie leben in künstlichen Gruppen, in denen Konflikte häufig sind und nicht vermieden werden können. Mangelnde Bewegung, fehlende Beschäftigung und psychischer Stress führen oft zu Stereotypien – zwanghafte, sich wiederholende Verhaltensweisen. Bevor Zoos ihren eingesperrten Tieren ein «Recht auf Fortpflanzung» gewährleisten, sollten sie sich zuerst fragen, ob sie überhaupt die anderen Grundbedürfnisse ihrer Tiere erfüllen – oder erfüllen können. 

Kommerzielle Ausbeutung und tödliche Wahrheiten

Der Artikel in der NZZ ist simpel, reduktionistisch und irreführend. Er rechtfertigt lediglich die veralteten Praktiken der Zoos und deren Anthropozentrismus. Das eigentliche Ziel der Zoos ist nicht der Erhalt gefährdeter Arten in ihrem natürlichen Lebensraum, sondern die kommerzielle Schaustellung von Tieren zur Unterhaltung. 

Die sogenannten «unbequemen Wahrheiten» , die der Autor präsentiert, zerfallen angesichts der wahren Unbequemlichkeit: Es ist verstörend, wie er unseren Planeten als «Menschenplanet» beschreibt – einen Ort, an dem Wildtiere keinen Platz mehr in der Natur finden und nur noch in Zoos existieren können, ohne jede Chance, jemals in ihrem natürlichen Lebensraum und in Freiheit zu leben.

Die vielleicht unbequemste Wahrheit ist jedoch diese: Zoos töten vom Aussterben bedrohte Tiere, weil es in Gefangenschaft «zu viele» von ihnen gibt.

Das werden wir eines Tages tatsächlich verantworten müssen.

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